Armes Schwein – Das Leben der Schweine

Schweinefleisch ist das meistgekaufte Fleisch in Deutschland. Viele Verbraucher vertrauen darauf, dass Gesetze und Verordnungen eine tiergerechte „Produktion“ garantieren. Doch wie leben Schweine gemäß diesen Regelungen?

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Die Quellen (nummeriert), Verweise (im Text in grüner Schrift) und weiterführende Literatur sind am Textende zusammengestellt. Ebenso finden sich am Textende die gesetzlichen Grundlagen mit den Abkürzungen und Verlinkung.

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Inhalt – Überblick
Seite 1: Normale und außergewöhnliche Schweine
Seite 2: Überblick: Schweinehaltung in Deutschland
Seite 3: Rechtliche Regelungen und ihre Konsequenzen (Für Eilige: Kernprobleme)
Seite 4: Schlachtung / Antibiotika in der Schweinemast
Seite 5: Was läuft schief?
Seite 6: Sprache und Kultur / Kein Ende in Sicht
Seite 7: Hintergründe
Seite 8: Ausführliches Inhaltsverzeichnis (öffnet im separaten Fenster)

Normale und außergewöhnliche Schweine

Normales Schweineverhalten

Wildschwein in freier Natur (Eifel, Mai 2019)
Wildschwein in freier Natur (Eifel, Mai 2019)

Schweine wurden vor rd. 8.000 – 6.000 Jahren, vermutlich in mehreren Gebieten, aus Wildschweinen gezüchtet. Viele Verhaltensweisen hat das Schwein noch mit seinen Urahnen gemeinsam.

Wildschweine sind sehr anpassungsfähig und werden als Kulturfolger eingestuft. Schweine sind sehr soziale Tiere. Sie leben in Gruppen (Rotten), wobei die Gruppenführung von einer erfahrenen Sau (also einem Weibchen) übernommen wird. Stirbt eine Muttersau, werden die Frischlinge (Ferkel) von anderen Weibchen der Rotte weiter versorgt.

Zum Schlafen bauen Schweine Schlafnester, für die Blätter und Zweige aus bis zu 20 m Entfernung geholt werden. Die Schlafnester werden von der gesamten Rotte genutzt. Der Abstand beim Schlaf in gestreckter Seitenlage ist sowohl abhängig von der Temperatur (je kälter, desto enger liegen die Schweine), als auch vom Alter (Ferkel liegen nahezu immer auf Kontakt). Das Kontaktliegen dient aber auch dem Gruppenzusammenhalt. Es gibt bevorzugte Liegepartner, zu denen aktiv Kontakt durch Verdrängen anderer Schweine gesucht wird.

Ungefähr 70 – 80 % seiner aktiven Zeit ist das Schwein mit der Nahrungssuche beschäftigt. Wildschweine legen dabei pro Tag rd. 4 – 6 km zurück. Das Schwein hat ein ausgeprägtes Erkundungsverhalten – sprich: ist neugierig. In der Rüsselscheibe sind so viele Tastsinneszellen, wie in beiden Händen des Menschen zusammen. Das Schwein stöbert auf der Suche nach Nahrung mit seinem Rüssel in der Erde, beknabbert und benagt Dinge oder manipuliert diese in anderer Form (wenden, bewegen). Zum Festhalten von Dingen benutzt das Schwein auch seine Klauen (Pfoten).

Schweine sind Allesfresser. Die natürliche Nahrung der Schweine ist abwechslungsreich und besteht sowohl aus sehr energiereichen, als auch aus ballaststoffreichen Anteilen. Gefressen wird fast alles: Gräser, Samen, Pilze, Laub, Eier, kleine Wirbeltiere, Insekten und Würmer, Aas und vieles mehr.

Bei der Nahrungssuche hilft dem Schwein sein ausgezeichneter Geruchssinn, der besser als der von Hunden ist. Dies nutzt der Mensch bei Trüffelschweinen: Ausgebildete Schweine suchen nach den von ihnen gerne gefressenen Erdtrüffeln und zeigen den Fundort an. Der menschliche Partner gräbt die Trüffel aus und belohnt das Schwein mit einem kleinen Teil des Fundes. Der Geruchssinn ist für die zwischenartliche Kommunikation der Schweine wichtig. So erkennen Schweine sich z. B. gegenseitig am Geruch.

Schweine haben auch ein gutes Gehör. Ein großer Teil der Kommunikation zwischen Schweinen findet über Lautgebung statt (Quieken, Grunzen), bei der bis zu 60 verschiedene Laute verwendet werden.

Das Sehvermögen ist hingegen weniger gut ausgeprägt: Dunkle Farbtöne können nur schlecht voneinander unterschieden werden. Dennoch sind Schweine in der Lage, Personen alleine anhand von Bildern zu unterscheiden.

Entgegen ihrem Ruf sind Schweine sehr reinliche Tiere. Haben sie die Möglichkeit (z. B. Freilandhaltung mit ausreichend Bewegungsfläche), nutzen sie Kotplätze, die mind. 5 – 15 m von ihren Schlafplätzen entfernt sind. Schweine kann man daher – ähnlich wie Hunde – als Haustiere halten (s. „Schweine als Haustiere“).

Schweine haben keine Schweißdrüsen. Die Thermoregulation erfolgt über die Schleimhäute in Nasen- und Rachenraum. Zur effektiven Abkühlung wälzen Schweine sich in Schlamm (Suhle). Die Schlammkruste kühlt zum einen besser als Wasser, zum anderen ist die Schlammschicht ein Schutz gegen Sonnenstrahlung, Insektenstiche und Parasiten. Eine Suhle wird bereits bei Temperaturen ab 18 °C aufgesucht.

Je nach Quelle wird die Intelligenz eines Schweines mit denen von Hunden oder Primaten gleichgestellt. In einem Versuch wurde Schweinen ein Spiegel präsentiert. Sie lernten schnell, wie ihre eigenen Bewegungen im Spiegel zu interpretieren waren. Wurde Futter so versteckt, dass sie dies nur im Spiegel verfolgen konnten, setzten sie die visuellen Informationen um und gingen gezielt zum Futter. Allerdings konnte dieses Ergebnis durch eine andere Studie nicht bestätigt werden [1, 2].

Den eigentlichen Spiegeltest – bei dem Tiere mit Farbklecksen markiert werden und diese die Farbmarkierung im Spiegel als „unnatürlich“ erkennen und entsprechend reagieren – bestanden Schweine nicht. Es ist allerdings umstritten, ob der Spiegeltest tatsächlich (immer) in der Lage ist, Selbstwahrnehmung und Ichbewusstsein nachzuweisen. Besonders bei Tieren, deren Hauptsinnesorgane Geruch und Gehör sind, könnten angepasste Tests erforderlich sein. Hunde bestehen den Spiegeltest ebenfalls nicht.

Schweine lernen auch über Nachahmung – also durch Beobachtung anderer Schweine.

Mit rd. 17 – 26 Wochen sind Schweine geschlechtsreif.

Die Trächtigkeitsdauer beträgt 115 Tage. Kurz vor dem Geburtstermin baut die Muttersau ein Nest. Die Ferkel haben bei der Geburt offene Augen und Ohren und können kurz nach der Geburt bereits laufen. Die normale Stillzeit beträgt 7 Wochen. Schweine können 12 – 15 Jahre alt werden.

Alte Schweinerassen

In Deutschland gab es früher zahlreiche an die jeweiligen regionalen Bedürfnisse angepasste Schweinerassen. Diese sind jedoch für die „industrielle Produktion“ wenig geeignet. Zudem entspricht das Fleisch nicht den Konsumenten-Wünschen: Das Fleisch ist meist sehr fetthaltig und von dicken Speckschwarten umgeben.

Viele dieser Rassen sind daher bereits ausgestorben, vom Aussterben bedroht oder extrem gefährdet. In der Arche Warder werden neben verschiedenen anderen alten Nutztierrassen auch alte Schweinerassen gehalten und die Rassen damit „konserviert“.

Beispiele alter Rassen:

  • das Turopolje-Schwein hat eine Speckschwarte von bis zu 15 cm. Die Schweine sind gut an überschwemmte Gebiete angepasst und ausgezeichnete Schwimmer und Taucher. Die Rasse ist stark bedroht.
  • Das Angler Sattelschwein war um 1950 das bevorzugte Zuchtschwein (ca. 60 %) in Schleswig-Holstein. Aufgrund seines ebenfalls sehr fetthaltigen Fleisches gilt die Rasse als extrem bedroht.

Schweine als Haustiere

Schweine können ähnlich wie Hunde als Haustiere gehalten werden. Allerdings ist eine reine Haushaltung nicht artgerecht. Sie brauchen einen freien Auslauf, in dem sie sich artgerecht tummeln können. Aufgrund der Größe werden Minischweine bevorzugt. Einzelne Individuen können jedoch zu einer überraschenden Größe heranwachsen. Die Anzahl der im Haus gehaltenen Schweine in Deutschland ist gering. In der Regel sind die Tiere nicht zum Verzehr vorgesehen.

Bei der Hausschweinehaltung sind die Anforderungen der Schweinehaltungshygieneverordnung (SchHaltHygV – insbesondere Anhang 4) einzuhalten. Ziel dieser Verordnung ist die Übertragung von Krankheiten zwischen Schweinen einerseits und andererseits Menschen und Wildschweinen zu verhindern. Hierzu sind spezielle Hygienevorschriften einzuhalten.

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naseweisbz.net

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