Schilddrüsenüberfunktion durch Futtermittel: Thyreotoxikose

Hundefutter mit Schilddrüsenresten kann eine Schilddrüsenüberfunktion vortäuschen. Je nach Verarbeitung des Futters ergeben sich unterschiedliche Hormonwerte in Futter und Blutserum.

Belastetes Hundefutter

Eine Thyreotoxikose ist eine „Vergiftung“ durch Schilddrüsenhormone: Sie entsteht, wenn hohe Mengen an Schilddrüsenhormonen im Körper vorhanden sind. Ursachen können eine Schilddrüsenüberfunktion, zusätzliches hormonproduzierendes Gewebe oder eine Zufuhr hoher Hormonmengen sein.

Hundefutter jeglicher Art kann mit Schilddrüsenhormonen belastet sein, wenn es Reste von Schilddrüsengewebe enthält. Häufig betroffen ist Fleisch von Großsäugern, wie z. B. Rind oder Bison.

In zahlreichen Fallberichten wurden einzelne Fälle belasteten Futters untersucht. Eine kurze Zusammenfassung der Untersuchungen von Zeugwetter, Köhler, Schmicke und anderen ist in „Dr. Jekyll und Mr. Hund“ [Zimmermann B.] enthalten.

In den USA werden belastete Futtermittel bei der FDA gemeldet (Food and Drug Administration) und die Produkte ggf. zurückgerufen. 2020 waren zum Beispiel zwei Futtermittel von einem Rückruf wegen erhöhter Hormonkonzentrationen betroffen.

Kleine Ursache – große Wirkung

Bild eines Hamburgers: Mit Schilddrüsenhormonen belastete Hamburger führten zur Hamburger Thyreotoxikose
Mit Schilddrüsenhormonen belastete Hamburger führten zur Hamburger Thyreotoxikose

In den USA traten in den 90er Jahren verschiedene Fälle von Thyreotoxikose bei Menschen auf. Als gemeinsame Ursache wurden Hamburger ermittelt, in denen Schlundfleisch mit Resten von Schilddrüsengewebe enthalten war. Der Fall wurde als Hamburger Thyreotoxikose bekannt.

Das verarbeitete Fleisch stammte aus einer Schlachterei, die ihren Produktionsprozess umgestellt hatte.

Zum einen wurde auf das koschere Schlachten, bei dem die Tiere ausbluten, verzichtet. Nach dem Ausbluten hob sich die Schilddrüse durch ihre blasse Farbe deutlich vom Muskelgewebe ab und konnte leicht identifiziert und sauber entfernt werden. Diese optische Hervorhebung entfiel, als auf koschere Schlachtungen verzichtet wurde.

Zum anderen wurde der Bereich, in dem die Abtrennung des Fleisches vom Schlund erfolgt, in den zweiten Stock verlegt. Die Arbeiter warteten nun bis sich eine gewisse Menge Schlund angesammelt hatte, bevor sie sich zum Entfleischen in den zweiten Stock begaben. Das entfernte Fleisch wurde in Behälter geworfen, die anschließend in Boxen abgefüllt wurden. Da der Prozess des Entfleischens nicht mehr kontinuierlich erfolgte, konzentrierten sich Fleischstücke mit Schilddrüsen-Resten in einzelnen Boxen. Die Hormon-Belastungen der verschiedenen Boxen schwankten daher stark.

Die mit dem belasteten Fleisch hergestellten Hamburger enthielt im Schnitt 1.300 µg T4 und 76 µg T3. Zum Vergleich: Bei der Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion werden die fehlenden Hormone durch Tabletten mit einem Gehalt von rd. 100 µg T4 oder 50 µg T3 ersetzt.

Nach dem Verzehr eines belasteten Hamburgers durch einen freiwilligen Probanden erreichten dessen Schilddrüsenhormonwerte (T4 und T3) nach rd. 8 Stunden ein Maximum und sanken erst nach mehr als 14 Tagen wieder auf Normalwerte ab.

Thyreotoxikose bei Hunden

Bei Hunden zeigen sich nach dem Verzehr stark hormonhaltigen Fleisches ebenfalls Anzeichen einer Schilddrüsenüberfunktion, wie z. B. übermäßiger Durst, Harndrang, Hecheln und Herzrasen. Damit verbunden sind erhöhte Blut-Hormonwerte. Diese Veränderungen können selbst nach einmaliger Aufnahme von belastetem Futter auftreten.

Nach einer Futterumstellung klingen die klinischen Symptome langsam ab und die Hormonwerte verbessern sich wieder. Die völlige Normalisierung der Werte kann jedoch 1 – 2 Monate dauern.

Vergleich Trockenfutter und Dosenfutter

In einer kürzlich veröffentlichten Studie (Vorab-Version, [Rotstein et al.]) wurden verschiedene Fälle von Thyreotoxikose bei Hunden, die der FDA vorlagen, rückwirkend erneut untersucht. Unter anderem wurde auf die verschiedene Verarbeitung des Fleisches eingegangen.

Es zeigte sich, dass die Verarbeitung nicht nur Einfluss auf die Hormonzusammensetzung im Endprodukt hat, sondern auch auf die verschiedenen Schilddrüsenhormonwerte der Hunde.

Belastetes Trockenfleisch hat (im Vergleich zu belastetem Dosenfleisch) höhere T4-Werte und ein höheres Verhältnis von T4:T3. Belastetes Dosenfleisch weist dagegen im Vergleich höhere T3-Werte und somit ein niedriges T4:T3-Verhältnis auf. Ursache für diese Unterschiede sind vermutlich die verschiedenen Verarbeitungstemperaturen: Die Herstellung von Dosenfleisch erfolgt mit höheren Temperaturen (und höherem Druck). Bei Temperaturen über 90 °C wird Thyroxin (T4) zunehmend in Trijodthyronin (T3) umgewandelt. Somit sinkt der T4-Gehalt, während der T3-Gehalt steigt.

Hunde, die längere Zeit belastetes Trockenfleisch bekamen, hatten T4-Werte über dem Referenzbereich bei normalen T3-Werten. Die T4-Werte von Hunden, die längere Zeit mit belastetem Dosenfleisch gefüttert wurden, lagen dagegen unter dem Referenzbereich, die T3-Werte aber darüber. Es ist anzunehmen, dass aufgrund der hohen T3-Zufuhr der Schilddrüsenregelkreises T4 reduzierte.

Grafik: Darstellung der unterschiedlichen Hormonwerte: Die Verarbeitung führt zu unterschiedlichen Hormonwerten in belastetem Futter und im Hund
Die Verarbeitung führt zu unterschiedlichen Hormonwerten in belastetem Futter und im Hund

Überfunktion oder Ernährung?

Eine Schilddrüsenüberfunktion (SDÜ) ist bei Hunden selten.

Die Autoren der Studie empfehlen daher, bei Verdacht auf eine Schilddrüsenüberfunktion (hohe T3- und / oder hohe T4-Werte, Vorliegen klinischer Symptome) zur Abklärung auch das Futter zu überprüfen. Ein Hinweis auf fütterungsbedingte Überfunktion kann ein hoher Serum-Jod-Gehalt sein. Die Antikörper-Titer geben zwar keinen Hinweis auf eine futtermittelbedingte SDÜ, können diese aber ggf. ausschließen. In den von der FDA untersuchten Fällen traten keine erhöhten Antikörper auf.

Einige der festgestellten Symptome einer Überfunktion finden sich teilweise auch bei einer Unterfunktion, z. B. Harndrang, vermehrter Durst und Hecheln. Wird durch belastetes Dosenfutter viel T3 zugeführt, sinken die T4-Werte unter den Referenzbereich. Liegt lediglich der T4-Wert vor, kann fälschlicherweise eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostiziert werden. Daher ist auch in diesem Fall das vollständige Schilddrüsen-Profil relevant.

Hinweis: hohe oder niedrige Jodzufuhr

Bild Meeresalge Kelp: Kelp (eine Meeresalge) kann hohe Jodkonzentrationen aufweisen
Kelp (eine Meeresalge) kann hohe Jodkonzentrationen aufweisen

Bei Zufuhr großer Mengen Jod, z. B. als Zusatz beim BARFEN, kann die Schilddrüse zeitweise die Hormonproduktion einstellen. Die Folge sind niedrige Hormonwerte.

Niedrige T4-Werte treten aber auch bei mangelnder Jodzufuhr auf, T3 kann – je nach Menge des zugeführten Jods – kompensatorisch erhöht sein.

Weitere Informationen zu Jod und Schilddrüsenunterfunktion siehe: Jod und Schilddrüsenunterfunktion


Literatur (Auszug)

Hedberg CW: An outbreak of thyrotoxicosis caused by the consumption of bovine thyroid gland in ground beef. N Engl J Med 1987; 316:993-998

Rotstein D et al: Pet food-associated dietary exogenous thyrotoxicosis: Retrospective study (2016 – 2018) and clinical considerations. TCAM 100521, ISSN 1938-9736, 2021. Pre-Proof.

Wortsman J et al: Thermal inactivation of L-Thyroxin. CLIN. CHEM. 35/1, 90-92 (1989)

Zimmermann B: Dr. Jekyll & Mr. Hund. Ausgeglichene Schilddrüse – ausgeglichener Hund, 1. Auflage. Thieme Verlag: Stuttgart – New York; 2018

Home // Seitenanfang // Alle Beiträge Schilddrüsenunterfunktion

naseweisbz.net

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.