Zähneputzen: Damit er auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann

Zahnstein, Zahnfleischentzündungen und Parodontitis sind aufgrund der Speichelzusammensetzung beim Hund weiter verbreitet als beim Menschen. Zähneputzen beim Hund ist die effektivste Methode, um diese Zahnprobleme zu vermeiden.

Zum besseren Verständnis vereinfachte Darstellung

Überblick

Man geht davon aus, dass bis zu 80 % der über 2 Jahre alten Hunde behandlungsbedürftige Zahnprobleme haben. Häufig handelt es sich dabei um Zahnstein und / oder dessen Folgen. Bei nahezu allen Hunden über 12 Jahren sind zusätzlich Gingivitis (Zahnfleischentzündungen) und Parodontitis (großflächige Entzündungen mit Knochenabbau) vorhanden.

Die Erkrankungen gehen auf bakterielle Fehlbesiedlungen zurück und haben weitreichende Folgen. Begünstigt werden sie bei Hunden durch deren besondere Speichelzusammensetzung.

Der Besitzer erkennt Zahnprobleme häufig erst, wenn diese schon weit fortgeschritten sind. Anzeichen können z. B. Mundgeruch und zögerliche / keine Nahrungsaufnahme sein. Diese Symptome müssen jedoch nicht immer auftreten. Sehr häufig sind nur unspezifische Symptome vorhanden, wie Lustlosigkeit oder fehlendes Spielverhalten. Reibt der Hund sich vermehrt mit den Pfoten die Schnauze oder vermeidet Berührungen der Schnauze durch den Besitzer, ist das bereits ein deutlicher Hinweis auf Schmerzen (Schmerzerkennung siehe auch „Schmerzen beim Hund“).

Dem Hund die Zähne zu putzen, ist die effektivste Maßnahme, um Zahnprobleme und Folgeerkrankungen zu vermeiden oder zu reduzieren.

Zahnprobleme

Zahnprobleme können zahlreiche Ursachen haben.

Zahnbrüche oder – absplitterungen können z. B. auftreten, wenn der Hund harte Kauknochen erhält. Harte Knochen stammen von älteren Schlachttieren. Zahnbrüche können auch Folge von Parodontitis sein. Weitere Informationen zu Knochenfütterung siehe Kauartikel – Knochen.

Nährstoffungleichgewichte können sich ebenfalls auf die Zähne auswirken:

  • Vitamin D Mangel führt zu einer De-Mineralisierung von Zähnen und Knochen
  • Durch eine längere hohe Fluoraufnahme können sich die Zähne gelb färben. Zudem besteht eine erhöhte Gefahr für Zahnbrüche.

Auch Zahnfehlstellungen können zu Zahnprobleme führen sowie zahlreiche andere Faktoren.

Der größte Teil der Zahnprobleme resultiert jedoch aus dem Komplex der bakteriellen Fehl-Besiedlung und verläuft über mehrere Stufen: Bakterien siedeln sich an und bilden einen Biofilm (Plaque). Aufgrund der Mineralien im Speichel entwickelt sich ein fester Zahnbelag (Zahnstein). Plaque und Zahnstein breiten sich aus. Es entstehen Zahnfleischentzündungen und Entzündungen zwischen Zahnfleisch und Zahn, die sich bis zum Knochen erstrecken können. Der Knochen wird zersetzt. Eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Erkrankungsstufen ist unten dargestellt.

Begünstigende Faktoren für bakterielle Zahnprobleme

Die Entstehung bakterieller Zahnprobleme hat zahlreiche Ursachen. Als begünstigende Faktoren (ohne Differenzierung nach den einzelnen typischen Erkrankungen) werden aufgeführt:

  • genetische Einflüsse, Rassedispositionen: z. B. hinsichtlich Speichelzusammensetzung, pH-Wert in der Mundhöhle,
  • Größe der Hunderasse (s. Karies und Parodontitis),
  • zunehmendes Alter,
  • häufiges Hecheln, verstärkte Maulatmung: z. B. beim Hecheln zur Temperaturregulierung, bei Anstrengungen, unter Stress,
  • mangelnder Speichelfluss,
  • weiches Futter, aufgrund mangelhafter mechanischer Reinigung – ebenso:
  • wenig Kaubewegung (Futterschlinger),
  • fehlerhafte Zahnstellung (s. u.), Zahnwurzelmissbildungen, fehlende Zähne,
  • Erkrankungen, wie Stoffwechselstörungen (z. B. Diabetes mellitus, CNI), Hormonstörungen, Immundefizite.

Zahnstellung
Ermöglicht die Zahnstellung kein physiologisches Kauen, bleibt eine mechanische Reinigung der Zähne durch die Nahrung aus.
Bei manchen Rassen, z. B. solche mit verkürzter Schnauze, sind die Zähne im Verhältnis zum Kiefer zu groß. Es bilden sich Bereiche, in denen die natürliche Zahnreinigung nicht möglich ist. Dort sammeln sich Nahrungsreste und Bakterien an. Durch die ungünstigen Zahnproportionen wird zudem die Zahnreinigung durch den Hundehalter erschwert oder unmöglich.

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Speichelzusammensetzung – Fluch und Segen

Speichel hat verschiedene Schutzfunktionen, wie z. B.:

  • Säure-Puffer,
  • Verhinderung der Demineralisierung,
  • Remineralisierung,
  • Aufrechterhaltung der Gleitfähigkeit (z. B. zwischen Lefzen und Zähnen, zwischen den Zähnen zur Reduzierung des Abriebs),
  • anti-bakterielle, -viruzide und -fungizide Wirkung,
  • Vorbereitung der Nahrung zum Schlucken (Bolusbildung),
  • Geschmacksunterstützung,
  • Zahnreinigung.

Die Proteinzusammensetzung des Speichels (Proteom) spielt bei diesen Funktionen eine wesentliche Rolle und ist Gegenstand zahlreicher aktueller Studien.

Die Zusammensetzung des Speichels unterscheidet sich zwischen einzelnen Individuen, Rassen und zwischen verschiedenen Tierarten.

Im Vergleich zum Menschen hat der Hundespeichel einen höheren pH-Wert und eine höhere Pufferkapazität. Der Hundespeichel enthält deutlich mehr Mineralien (Calcium, Natrium, Kalium), ist aber ärmer an Phosphat. Das Verhältnis von Calcium (Ca) zu Phosphor (P) ist u. a. für die De- und Remineralisierung der Zähne relevant, z. B. im Zusammenhang mit Karies.

Grafik Vergleich des Gehaltes von Calcium, Phosphor, Natrium und Kalium im Speichel von Mensch und Hund
Vergleich des Gehaltes von Calcium, Phosphor, Natrium und Kalium im Speichel von Hund und Mensch. (Datenquelle: Lavy 2012)
Grafik Vergleich des Verhältnisses Calcium und Phosphat sowie des pH-Wertes im Speichel von Hund und Mensch
Vergleich des Verhältnisses Calcium und Phosphat sowie des pH-Wertes im Speichel von Hund und Mensch. (Datenquelle Lavy 2012)

Die Unterschiede in der Speichelzusammensetzung sind vermutlich dafür verantwortlich, dass Hunde zwar unempfindlicher gegenüber Karies sind (s. u.), aber ein höheres Risiko für Zahnstein und – in Folge – für Gingivitis und Parodontitis haben (s. u.): Die im Speichel enthaltenen Mineralien in Verbindung mit dem höheren pH-Wert begünstigen die Zahnsteinbildung. Wegen der unterschiedlichen Zusammensetzung des Speichels bei Menschen und Hunden ist auch die Zusammensetzung des Zahnsteins verschieden. Zahnstein beim Hund enthält z. B. Calcium-Carbonat (CaCO3), welches beim Menschen nicht auftritt.

Bei Untersuchungen an verschiedenen Wildcaniden wurde festgestellt, dass diese ebenfalls unter Parodontitis leiden und das ein Zahnbrüchen relativ häufig (bei rund 50 % der untersuchten Tiere) auftreten. Ähnliche Ergebnisse zeigten sich bei Foxhounds, die mit unverarbeiteten Tierkadavern gefüttert wurden. Da Wildtiere eine geringere Lebenserwartung haben als Hunde, ist es evolutionär vermutlich von größerem Vorteil, gegen Karies geschützt zu sein, als gegen Zahnstein und die Folgewirkungen (z. B. Parodontitis).

Der Speichel wird über verschiedene Speicheldrüsen in das Maul des Hundes geführt. Im Gegensatz zum Menschen besitzt der Hund eine zusätzliche Backenspeicheldrüse, die über den oberen Backenzähnen mündet. Durch den ständigen Kontakt mit Speichel ist die Gefahr der Zahnsteinbildung an den Backenzähnen daher besonders hoch.

Hundekopf mit eingetragenen Bezeichnungen: Lage der Backenspeicheldrüse und Bezeichnung der Zähne
Lage der Backenspeicheldrüse und Bezeichnung der Zähne (Quelle Basisbild: pixabay)

Wird vorwiegend über die Mundhöhle geatmet (z. B. bei Rassen mit verkürzten Nasen), trocknet der Speichel schnell aus. Die Reinigungsfunktion von flüssigem Speichel bleibt aus, zudem bietet der zähe bzw. getrocknete Speichel gute Anhaftungsbedingungen für Bakterien.

Bakterielle Zahnprobleme und -erkrankungen

Jeder Zahn ist von Speichel und Nahrungsresten umgeben, dem Zahnpellikel. Dieses ist zunächst bakterienfrei, wird aber schnell von Bakterien besiedelt. Diese Bakterien haben besondere Haftmechanismen, um sich auf der relativ glatten Zahnoberfläche festzusetzen. Da sie quasi den Weg für andere Bakterien ebnen, werden sie als Pionierbakterien bezeichnet.

Für den weiteren Verlauf sind die o. g. begünstigenden Faktoren mit entscheidend.

Grafik Entwicklung von Zahnbelägen und Entzündungen und deren Folgen
Entwicklung von Zahnbelägen und Entzündungen und deren Folgen

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Plaque

Auf den Pionierbakterien siedeln sich weitere Bakterien an, es bildet sich Plaque. Die Plaque ist ein durch eine Matrix geschützter Biofilm (siehe auch: Klein aber geschwätzig – Biofilm). In der Plaque sind Bakterien, deren Stoffwechselprodukte und eingelagerte Nahrungssubstanzen: (Glykoproteine, Polysacchariden, Elektrolyte) u. v. m. enthalten. In den unterschiedlichen mikroökologischen Zonen der Mundhöhle bilden sich jeweils Plaque mit unterschiedlicher Bakterienzusammensetzung.

In den unteren Schichten der Plaque – nahe am Zahn – ist relativ wenig Sauerstoff vorhanden, sodass dort besonders gramnegative anaerobe Bakterien wachsen.

Hintergrundinformation: Bedingt durch unterschiedlichen Zellwandaufbau können grampositive und gramnegative Bakterien unterschiedlich angefärbt werden. Grampositive Bakterien besitzen eine gleichförmige dichte Zellwand aus Peptidoglykan. Gramnegative Bakterien besitzen eine dünne Peptidoglykanschicht und zusätzlich eine äußere Membran.
Aerobe Bakterien benötigen zur Energiegewinnung („Atmung“) Sauerstoff, anaerobe Bakterien verwenden andere Substanzen, wie z. B. Schwefel und Sulfat.

Der zunächst oberhalb des Zahnfleisches befindliche Zahnbelag breitet sich in den Bereich zwischen Zahn und Zahnfleisch aus. Hierdurch vertiefen sich die Zahnfleischtaschen (s.u.). Bei allen Hunden mit Zahnbelag entwickelt sich eine mehr oder weniger starke Zahnfleischentzündung (Gingivitis, s.u.).

Die Plaque kann leicht durch entsprechende Zahnpflege entfernt werden.

Grafik: Plaque- / Zahnsteinbildung oberhalb und unterhalb des Zahnfleisches, Gingivitis am oberen Zahnfleischrand
Plaque- / Zahnsteinbildung oberhalb und unterhalb des Zahnfleisches. Gingivitis am oberen Zahnfleischrand. (nach Cerni)

Zahnstein

In die Plaque werden Mineralien aus dem Speichel eingelagert, sodass ein harter Belag entsteht. Befindet sich der Belag oberhalb des Zahnfleisches, wird der Belag als Zahnstein bezeichnet, unterhalb des Zahnfleisches als Konkrement. In diesem Text werden beide einheitlich als Zahnstein bezeichnet.

Die Neigung zu Zahnsteinbildung ist individuell unterschiedlich und von den beeinflussenden Faktoren abhängig.

Zahnstein kann meist nur, Konkrement nur durch professionelle Zahnreinigung entfernt werden.

Grafik Beginnende Parodontitis
Ausbreitung des Zahnsteins in das anhaftende Gewebe zwischen Zahn und Zahnfleisch. Ausbreitung der Gingivitis, Vertiefung der Zahnfleischtasche und Beginn der Knochenauflösung. Beginnende Parodontitis. (nach Cerni)

Gingivitis (Zahnfleischentzündung)

Das Zahnfleisch reagiert auf die Bakterien und deren Stoffwechselprodukte mit Entzündungen.

Normalerweise verläuft rund um jeden Zahn eine Zahnfleischvertiefung (ZahnfleischtascheZahnsulkus), die mit einer Flüssigkeit gefüllt ist (Sulkusfluid). Durch die Zahnfleischentzündung wird diese körpereigene Flüssigkeit zunehmend durch Bakterien und deren Ausscheidungen ersetzt. Die Zahnfleischtaschen werden tiefer, der Belag breitet sich aus. In den Zahnfleischtaschen sammeln sich immer mehr Nahrungsreste, abgestorbene Zellen und Bakterien an, der Anteil anaerober Bakterien nimmt zu.

Das Zahnfleisch ist gerötet und geschwollen (unechte Taschen, Pseudotaschen), das Zahnfleisch neigt zu Blutungen und ist schmerzempfindlich.

Eine Gingivitis ist mit einer entsprechenden Behandlung reversibel.

Aus einer Gingivitis kann Parodontitis entstehen.

Parodontitis (tiefergehende Entzündung)

Umgangssprachlich wird Parodontitis häufig als Parodontose bezeichnet.

Die Entzündung des Zahnfleisches breitet sich immer mehr in dem Gewebe rund um den Zahn aus, es bilden sich tiefe Zahnfleischtaschen. Die Tiefe der Zahnfleischtaschen ist proportional zu dem Fortschreiten der Erkrankung und kann mit Parodontalsonden ausgelotet werden. Der Kieferknochen wird in den Entzündungsprozess einbezogen und es kommt zum Knochenabbau (Osteolyse).

Grafik Hochgradige Parodontitis
Zahnstein erstreckt sich bis tief ins Gewebe. Ausgeprägte Gingivitis und ausgeprägte Knochenauflösung. Hochgradige Parodontitis. (nach Cerni)

Am häufigsten ist die chronische Parodontitis, die sich langsam entwickelt. Rund 75 – 80 % aller Hunde erkranken an einer Parodontitis, wobei die Erkrankung häufig bereits bei jungen Hunden mit der Bildung von Plaque und Zahnstein beginnt. Die Parodontitis weist einen zyklischen Verlauf auf. Das bedeutet u. a. das schmerzhafte Phasen mit schmerzfreien abwechseln können. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass betroffene Hunde teilweise erst in späten Stadien der Parodontitis dem Tierarzt vorgestellt werden.

Im Gegensatz dazu entwickelt sich die aggressive Parodontitis sehr schnell, hat starke Schmerzphasen, das Zahnfleisch ist stark gerötet und es treten Zahnfleischblutungen auf.

Eine Parodontitis ist irreversible. Geschädigtes Knochengewebe, verloren oder wegen Instabilität gezogene Zähne werden vom Körper nicht regeneriert. Die entstandenen Zahnlücken können nach einer Zahnsanierung bei mangelnder Zahnpflege die Neubildung von Plaque, Zahnstein und Entzündungen fördern. Geschädigtes Knochengewebe kann zu Kieferbrüchen führen.

Die Erkrankungshäufigkeit steigt mit zunehmendem Alter und mit abnehmender Körpergröße, zudem gibt es rassespezifische Dispositionen. So wurden in einer Untersuchung bei allen Pudeln, die älter als 4 Jahre waren, Parodontitis festgestellt. Toy-Rassen erkranken häufig schon im ersten Lebensjahr an Parodontitis.

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Karies

Karies ist bei Hunden relativ selten.

Karies ist eine multifaktorielle Erkrankung des Zahns, die die Zahnstruktur angreift. Hauptursache sind ebenfalls Bakterien, deren Stoffwechselprodukte (organische Säuren) Mineralien aus den Zähnen lösen. Dadurch wird die Zahnsubstanz angegriffen – es entstehen Löcher im Zahn.

Neben einigen der bereits oben aufgeführten Faktoren sind weitere Faktoren relevant, z. B. die Menge an dem Bakterium Streptokokkus mutans, Zungen- und Wangenbewegungen, Fluoridgehalt im Zahnschmelz und Kohlenhydratgehalt der Nahrung.

Kleinere Hunderassen scheinen häufiger von Karies betroffen zu sein. Ob dies wegen anatomischer Besonderheiten (z. B. mangelnder Speichelfluss, Zahnfehlstellungen, s. auch Zahnprobleme und Parodontitis) oder auf besonderen Fütterungsgewohnheiten (Verfütterung von Süßigkeiten an Schoßhund) basiert, ist unklar.

Folgen bakterieller Zahnerkrankungen

Mundgeruch

Die Bakterienansammlungen und die Entzündungen führen zu Mundgeruch (Halitosis), der bei rund der Hälfte aller Hunde feststellbar ist. Neben den Entzündungen können jedoch auch Zungenbeläge oder eine verringerte Speichelproduktion oder eine Kombination aller Faktoren zu Mundgeruch führen.

Quelle von Mundgeruch sind gramnegative anaerobe Bakterien, die Substanzen aus dem Speichel (vorwiegend proteinreiche Anteile), Nahrungsreste in der Mundhöhle, abgestorbene Gewebezellen etc. zu schwefelhaltigen Verbindungen verstoffwechseln. Diese Stoffwechselprodukte sind verantwortlich für den Mundgeruch.

Zahnverlust und Kieferbruch

Bei ausgeprägter Parodontitis wird der Kieferknochen angegriffen und abgebaut. Durch Abbau des Knochengewebes verlieren die Zähne den Halt. „Wackelnde“ Zähne treten allerdings erst auf, wenn mehr als 40 % des Knochens bereits zerstört sind. Nicht ausreichend im Kiefer verankerte Zähne können ausfallen oder müssen im Zuge einer Gebiss-Sanierung gezogen werden.

Ist der Kieferknochen stark angegriffen, kann er beim Kauen brechen.

Systemische Erkrankungen im Körper

Entzündungen im Maulbereich reduzieren das allgemeine Wohlbefinden:

  • Durch die Entzündungen kann es zu Einschränkungen oder dem völligen Verlust des Geruchssinnes kommen. Da der Geruchsinn für den Hund eine wichtige Rolle spielt, bedeutet dessen Verlust eine deutliche Reduzierung des Allgemeinbefindens.
  • Mit den Entzündungen gehen mehr oder weniger starke Schmerzen einher.
  • Die dauernden Entzündungsreaktionen in der Mundhöhle führen zu einer Schwächung des Immunsystems. Dies wiederum begünstigt weitere Entzündungen im Maulbereich sowie im gesamten Körper. Bei Hunden mit ausgeprägter Parodontitis können daher z. B. Augenprobleme (etwa Entzündungen hinter dem Augapfel) oder vermehrte Tumorbildungen im Maulbereich auftreten.

Die von den Bakterien abgegebenen Stoffwechselprodukte (z. B. Toxine und Enzyme) können zu Leber, Nieren, Herz und Lungenerkrankungen führen. Hierzu zählen z. B. Herzklappenendokardiose oder eine chronische Niereninsuffizienz (CNI) (s. Wechselwirkung zwischen Nieren und Schilddrüse beim Hund). Eine CNI wiederum kann die Bakterienansammlungen und Entzündungen verstärken, da die Schleimhäute (auch im Maulbereich) zu entzündlichen Geschwüren neigen. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Schwere der Parodontitis und der Ausprägung von entzündlichen Veränderungen in Niere, Herz und Leber.

Zahnfleischentzündungen und Parodontitis haben gravierende Auswirkungen auf den gesamten Körper und das Wohlbefinden.

Maßnahmen durch den Besitzer

Der wichtigste Faktor zur Erhaltung der Zahngesundheit ist eine gezielte Zahnpflege. Unterstützt wird die Zahnpflege durch regelmäßige Kontrolle von Zähnen und Zahnfleisch.

Hauptzweck der Maßnahmen ist die Vorbeugung der Zahnsteinbildung.

Kauartikel und Futter

In verschiedenen Untersuchungen erhielten Hunde mit mehr oder weniger starken Zahnbelägen Kauartikel. Durch längere Gabe von Kauartikeln konnten bestehende Zahnbeläge teilweise reduziert werden.

Kauartikel

Häufig werden Kauartikel aus Büffelhaut, Ohren von Schweinen, Kaninchen oder Lamm und ähnliche Produkte verwendet.

Spezielle Zahnpflege-Artikel, wie Bisquits, Kauriegel, Dentasticks u. ä., haben einen hohen Rohfaseranteil, der eine bürstenartige Feinstruktur aufweist. Durch diese Struktur sollen die Zähne mechanisch gereinigt werden. Anti-Zahnsteinmittel sind langfristig wirksamer als Anti-Plaque-Mittel, da sie die Bildung von Zahnstein hemmen können. Die Produkte dienen vorwiegend der Prophylaxe.

Nach Herstellerangaben (Boehringer Ingelheim / Merial) führen spezielle Kauriegel mit Zusatz von Delmopinol (Oravet®) zu einer Reduzierung von

  • 53 % bei Mundgeruch,
  • 42 % bei Plaque-Neubildung,
  • 54 % bei vorhandenem Zahnstein.

Unabhängige Studien zum Effekt der Riegel liegen noch nicht vor. Das Produkt ist nur in den USA erhältlich.

Die Kauriegel stellen im Prinzip eine kaubare Zahnpasta dar. Eine Wirkung ist daher nur möglich, wenn die Riegel auch tatsächlich gekaut werden. Demopinol reduziert das Anhaftvermögen der Bakterien und greift zudem die vorhandene Matrix des Biofilms an.

Knochen
Echte Knochen können eine ähnlich positive Wirkung haben, wie andere Kauartikel. Ob sie effektiver sind als diese, ist wissenschaftlich umstritten.
Beim Zerkauen von Knochen älterer Tiere und / oder Röhrenknochen müssen vom Hund große Kräfte aufgebracht werden. Insbesondere die statisch relevanten Röhrenknochen sind sehr hart. Dies kann auch bei einem gesunden Gebiss zu Zahnbrüchen führen.

Gebrochener und gezogener Backenzahn eines Hundes, Seitenansicht
Gebrochener und gezogener Backenzahn eines Hundes, Seitenansicht
Gebrochener und gezogener Backenzahn eines Hundes, Aufsicht
Gebrochener und gezogener Backenzahn eines Hundes, Aufsicht

Werden Knochen verfüttert, sollten diese daher von jüngeren Schlachttieren stammen. Die Knochen sind weniger mineralisiert und somit weniger hart. Ideal sind junge Geflügelskelette oder Rippen und Brustbein vom Kalb.
Als sehr effektiv wurde die Verfütterung von rohen Ochsenschwänzen oder rohen Speiseröhren mit angehängten Organen bewertet. Allerdings ist bei der Verfütterung von Schlund zu beachten, dass die Aufnahme von anhaftender Schilddrüse zu hormonellen Problemen führen kann (s. Schilddrüsenüberfunktion durch Futtermittel: Thyreotoxikose).
Knochenfütterung kann zu Verdauungsproblemen, inklusive Verschluss des Darms führen. Knorpel und Knochenstücke können zu Verletzungen in Maul und Speiseröhre verursachen oder als Fremdkörper in Magen und Speiseröhre verbleiben.
Erhitzte Knochen dürfen aufgrund der Splittergefahr nicht verfüttert werden.

Markknochenabschnitte:
Das Benagen und Zerkleinern von Markknochen-Abschnitten bietet lange Beschäftigung und ist eine effektive Zahnreinigung. Markknochen sind daher beliebte Kauartikel. Markknochen sind Ausschnitte von Röhrenknochen und stammen häufig von älteren Tieren. Sie sind somit sehr hart und können zu Zahnbrüchen führen. Des Weiteren besteht die Gefahr, dass der Knochenring sich über den Unterkiefer des Hundes stülpt und vom Hund nicht mehr entfernt werden kann.

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Futtermittel

Spezielle Futtermittel (Dentaldiät) haben ähnlich wie die o.g. Produkte mechanisch reinigende Feinstrukturen. Durch eine besondere Form soll die Kauaktivität und somit die Wirkung der Zahnreinigung erhöht werden. Zusätzlich sind Polyphosphate auf der Oberfläche integriert, die Calcium binden und so verhindern, dass dieses zur Zahnsteinbildung beiträgt.

Aber auch gewöhnliches Trockenfutter kann sich durch die mechanischen Eigenschaften positiv auf die Zahngesundheit auswirken. Dies ist allerdings stark von Konsistenz, Größe und Form anhängig.

Beschäftigungsmaterial, Kauspielzeug

Von verschiedenen Firmen werden Spielzeuge angeboten, die den Hund zum Nagen an den Produkten animieren sollen. Die besonders gestaltete Oberfläche der Produkte soll zur Zahnreinigung / -prophylaxe geeignet sein.

Häufig können die Futtermittel und Kauartikel die Entstehung von Zahnstein, Gingivitis und Parodontitis zwar verzögern, aber nicht verhindern.
Auch die sogenannte artgerechte Fütterung, die die Fressgewohnheiten von Wildtieren imitieren (z. B. BARF), verhindert mit Knochen- und Frischfleischfütterung langfristig keine Zahnsteinbildung (s. o.: Speichel).

Zahnstein selbst entfernen

Auf dem Markt werden Zahnwerkzeuge für Hunde angeboten, mit denen der Hunde-Besitzer Zahnstein mechanisch selbst entfernen kann.

Von einer mechanischen Entfernung von Zahnstein durch den Besitzer muss dringend gewarnt werden:

  • Es besteht eine hohe Verletzungsgefahr für den Hund.
  • Durch die mechanische Reinigung entstehen i. d. R. Kratzer im Zahnschmelz, die eine Bakterienansiedlungen begünstigen,
  • Die Zähne müssen nach der Entfernung von Zahnstein poliert werden, um eine Neuanhaftung von Bakterien zu vermeiden.
  • Eine Entfernung des Zahnsteins in den Zahntaschen ist nicht möglich. Zahnstein und Entzündungen breiten sich weiter im Gewebe aus. Die Entfernung des Zahnsteins im sichtbaren Bereich des Zahns hat also ausschließlich kosmetischen Charakter.
  • Eine ggf. vorliegende Parodontitis kann der Besitzer nicht erkennen und bleibt vom Tierarzt – aufgrund des optisch guten Zustandes der Zähne – vielleicht unentdeckt.

Zähneputzen

Die effektivste Vorbeugung von Zahnproblemen besteht im täglichen Zähneputzen und wird daher als „Gold Standard“ der Prophylaxe bezeichnet. Es beseitigt bis zu 70 % der Plaque und sorgt für ein stabiles und gesundes mikrobielles Gleichgewicht im Maul.

In einer schwedischen Studie wurde festgestellt, dass die Hälfte der Hundebesitzer ihren Hunden nicht und rund 1/3 weniger als 1x die Woche die Zähne putzen. Eine effektive Vorbeugung ist jedoch nur bei mindestens 3x wöchentlicher Zahnreinigung möglich, bei bestehenden Zahnfleischentzündungen ist tägliches Zähneputzen erforderlich. Somit erfolgte bei rd. 80 % der Hunde keine angemessene Prophylaxe.

Das Zähneputzen funktioniert am besten, wenn bereits im Welpenalter damit begonnen wurde. Aber auch einen alten Hund kann man noch an das Zähneputzen gewöhnen. Bei älteren Hunden startet man mit der regelmäßigen Zahnpflege sinnvollerweise nach einer professionellen Zahnreinigung.

Grundsätzlich sollte keine Zahnpaste für Menschen verwendet werden, da der Fluorgehalt für Hunde zu hoch ist und zu Vergiftungen führen kann. Spezielle für Hunde konzipierte Zahnpasten haben zudem den Vorteil, dass sie dem Hund relativ gut schmecken und somit auch älteren Hunden die Zahnpflege im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft gemacht werden kann. Die Zahncreme sollte man vor dem Putzen in die Zahnbürsten-Borsten drücken, damit der Hund sie nicht sofort ablecken kann.

Die auf dem Markt angebotenen Zahnpasten sind unterschiedlich gut wirksam. Die Spanne reicht von kaum effektiv bis sehr gut wirksam. Die Beseitigung von Plaque ist meist gut möglich, die Entfernung von Zahnstein eher nicht (oder nur in Verbindung mit mechanischer Beseitigung: Bürsten, Kauartikel).

Eine Zusammenstellung verschiedener Produkte und ihrer Wirksamkeit ist bei Cerni auf S. 51 ff. zu finden.

Im Idealfall verwendet man eine Hundezahnbürste. Wichtig ist, dass die Größe der Zahnbürste auf das Hundemaul abgestimmt ist. Zum Trainieren / Eingewöhnen gibt es auch Fingerlinge: Zahnbürsten, die über die Finger gestülpt werden.

Das Putzen erfolgt ähnlich wie beim Menschen in kreisförmigen Bewegungen über die Zähne oder – wenn dies nicht möglich ist – in einer Auf-Ab-Bewegung.

Bestehender Zahnstein lässt sich nur begrenzt durch Zähneputzen entfernen. Der Erfolg ist stark abhängig davon, wie weit die Zahnsteinbildung bereits fortgeschritten ist, sowie von den verwendeten Zahnpflegemitteln, der Kooperationsbereitschaft des Hundes und vielem mehr. Gute Erfolge bei der Entfernung von Zahnstein wurden mit Ultraschallzahnbürsten erzielt.

Fazit

Plaque kann vom Besitzer durch Zähneputzen oder durch geeignete Kauartikel / Futtermittel entfernt werden.
Liegt nur Zahnstein vor, kann dieser möglicherweise durch Zähneputzen mit geeigneten Zahnpasten und / oder Kauartikeln reduziert oder beseitigt werden.
Liegen Entzündungen vor, kann im günstigsten Fall eine Zahnfleischentzündung durch entsprechende Zahnpflege gestoppt werden.
Parodontitis kann durch den Hundehalter nicht selbst behandelt werden.

Tierärztliche Maßnahmen

Tierärztliche Untersuchung

Die gründliche tierärztliche Untersuchung der Zähne erstreckt sich über die reine Inaugenscheinnahme hinaus.

Untersuchungen zeigten, dass trotz klinisch gesunder Zähne bei rund 30 % der Hunde ein behandlungsbedürftiger Zustand im Röntgenbild erkennbar war. Bei 30 % dieser Fälle war der parodontale Knochenschwund schon viel weiter fortgeschritten, als aufgrund der Röntgenbilder zu erwarten war: Der Knochenschwund ist im Röntgenbild erst erkennbar, wenn bereits 30 % des Knochens demineralisiert sind.

Daher sollten (spätestens) bei einer ohnehin erforderlichen Narkose unbedingt auch die Zähne gründlich untersucht werden.

Zahnreinigung und Behandlungen

Bei fortgeschrittenem Zahnstein sollte eine professionelle Zahnreinigung inkl. Zahnzustandsuntersuchung erfolgen. Bei der professionellen Zahnreinigung werden (im Gegensatz zu den häuslichen Maßnahmen durch den Besitzer) auch die Zahntaschen gereinigt und ggf. vermessen.

Die tierärztliche Zahnreinigung erfolgt aus mehreren Gründen immer unter Narkose. Zum einen empfinden die meisten Hunde die Geräusche der Geräte als unangenehm, ebenso wie das lange still halten bei geöffnetem Maul. Zum anderen kann das Reinigen (und Vermessen) der Zahntaschen schmerzhaft sein. Bei Bedarf können beim narkotisierten Tier zudem direkt Röntgenaufnahmen von Zähnen und Knochen gemacht werden.

Neben der Zahnreinigung und -politur, der Wurzelglättung und operativem Entfernen von Pseudotaschen gehören ggf. auch Zähne ziehen, Zahnfüllungen, Antibiotikagabe und weitere Maßnahmen zu einer Zahnsanierung.

Nach einer Zahnsanierung bilden sich schnell wieder Plaque und Zahnstein. Dies kann nur durch regelmäßige Zahnpflege (bevorzugt Zähneputzen) verhindert werden.

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Literatur (Auszug)

  • Bringel M et al.: Salivary proteomic profile of dogs with and without dental calculus. BMC Veterinary Research (2020)
  • Brissman A, Wiman S: Effekten av mekanisk tandborstning respektive ultraljudstandborstning. Uppsala, Fakultet för veterinärmedicin och husdjursvetenskap; Examensarbete/Självständigt arbeite; 2020
  • Cerni L: Investigation sur laprophylaxie bucco-dentaire aupres des proprietaires de chiens adultes en France. [Diss.-Med. Vet.]. Ecole Nationale Veterinaire de Toulouse; 2021
  • Enlund KB et al: Dental home care in dogs – a questionnaire study among Swedish dog owners, veterinarians and veterinary nurses. BMC Veterinary Research (2020)
  • Iacopetti I et al.:Salivary pH, calcium, phosphorus and selected enzymes in healthy dogs a pilot study. BMC Veterinary Research (2017)
  • Lavy E et al.: pH Values and Mineral Content of Saliva in Different Breeds of Dogs. Israel Journal of Veterinary Medicine  Vol. 67 (4) December 2012
  • Legeros RZ et al.: The Crystalline Components of Dental Calculi: Human vs. Dog. J DENT RES 1979 58: 2371
  • Marx FR et al. Raw beef bones as chewing items to reduce dental calculus in Beagle dogs. Australian Veterinary Journal Volume 94, No 1-2, January/February 2016
  • Pasha S et al: The Saliva Proteome of Dogs: Variations Within and Between Breeds and Between Species. Proteomics WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim; 2018

naseweisbz.net

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