Jod und Schilddrüsenunterfunktion

Jod und die Wirkung auf die Schilddrüse. Muss Jod bei Hunden mit Schilddrüsenunterfunktion reduziert werden? Fördert Jod die Entstehung von schilddrüsen-spezifischen Antikörpern?

zu Gunsten der Verständlichkeit vereinfacht

Jodkristalle
Jodkristalle (Quelle: Pixabay)

Von manchen Hundehaltern mit schilddrüsen-kranken Hunden hört man hin und wieder Aussagen wie:

  • mein Hund verträgt kein Jod, mein Hund hat eine Jodallergie.
  • Jod triggert die Bildung von Schilddrüsen-Antikörpern. Es wirkt sich somit entzündungssteigernd aus, beeinflusst das Verhalten negativ und erfordert eine Dosiserhöhung.
  • Jod sollte bei einer SDU nicht zugeführt werden (oder zumindest am Anfang der Substitution nicht….).

Diese Aussagen führen manchmal dazu, dass bei den erkrankten Hunden völlig auf Jod im Futter verzichtet wird.
Wie sind diese Aussagen wissenschaftlich einzustufen?

Jodallergie und Jodunverträglichkeit

Jod ist ein essenzielles Spurenelement. Das heißt, es ist für Stoffwechselvorgänge erforderlich und muss daher regelmäßig zugeführt werden. Jodallergien sind physiologische ungefähr so sinnvoll wie eine Sauerstoffallergie. Aber ähnlich wie bei Sauerstoff (und allen Elementen) kann ein zu viel an Jod schädlich sein (dazu siehe weiter unten).
Jod ist ein Element, daher sehr klein und kann als Antigen (also als Angriffspunkt für Antikörper) nicht wirksam sein. Ist Jod jedoch an Proteine gebunden, kann diese Verbindung als Antigen wirken und Allergien auslösen. Allerdings nur diese spezielle Proteinverbindung (oder chemisch ähnliche Verbindungen).
Die Entstehung des Begriffs „Jodallergie“ ist historisch. Früher wurden Wunden großzügig mit Jodsalben und -tinkturen behandelt. Irgendwann stellte man fest, dass manche Menschen auf die Behandlung mit typischen Allergiesymptomen reagierten und fasste diese und alle möglichen anderen Auffälligkeiten in Verbindung mit Jod unter „Jodallergie“ zusammen. Der Begriff „Jodallergie“ setzte sich in der Bevölkerung durch und wurde zum Teil in der Medizin beibehalten – der einfacheren Kommunikation mit den Patienten wegen.
Dass der Begriff „Jodallergie“ nicht ausstirbt, ist auch Trivialtexten in den Medien geschuldet. Als Negativbeispiel sei hier ein Artikel in Focus-online, März 2018, zitiert, der bestenfalls Plattitüden wiedergibt, im schlimmsten Fall aber gesundheitlich bedrohliche Ratschläge:
Zitat aus Focus: Jodallergie erkennen

„Wenn bei Ihnen eine Jodallergie bereits festgestellt wurde, verzichten Sie konsequent auf alle Produkte, die Jod enthalten können. Das sorgt in den meisten Fällen bereits dafür, dass die Symptome verschwinden.“

In der Medizin unterscheidet man zwischen den verschiedenen tatsächlichen Ursachen, wenn Reaktionen auf „Jod“ auftreten. In vielen Fällen vermuteter Jodallergie wurden andere Faktoren als Auslöser von Symptomen erkannt. Bei Fisch z. B. u.a. Parvalbumin, bei Seealgen ein spezielles Pigment.
Treten nach jodhaltigen Wundbehandlungen Allergien auf, bedeutet dies nicht, dass der Mensch auch auf jodhaltige Kontrastmittel zur Schilddrüsen-Untersuchung reagiert.
Grundsätzlich ist also zu differenzieren, ob und in welcher Verbindung Jod eine Allergie auslöst.
Wichtig ist, dass bisher noch keine unmittelbare oder verzögerte allergische Reaktion auf eine Substitution mit T3 und/oder T4 beobachtet wurde. Bei einer tatsächlichen „Jodallergie“ müsste dies jedoch der Fall sein, da im Rahmen des Hormonabbaus verschiedene Jodverbindungen im Stoffwechsel auftreten, die dann zu entsprechenden Reaktionen (u.a. Anstieg von Antikörpern) führen müssten. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Jodaufnahme und Schilddrüse

Die Jodaufnahme erfolgt im Wesentlichen durch

  • Nahrung,
  • Nahrungsergänzungsmittel,
  • Medikamente.

Im Veterinärbereich resultieren die wesentlichen Jodschwankungen aus der Fütterung, inkl. Nahrungsergänzungsmitteln.
Bei Jod im Überfluss können negative Auswirkungen entstehen: Wird zu viel Jod aufgenommen, blockiert die Schilddrüse vorübergehend die Jodaufnahme und die Ausschüttung der Hormone (Wolff-Chaikoff-Effekt und Plummer-Effekt). In Einzelfällen kann sich daraus eine Schilddrüsenunterfunktion entwickeln.
Neben einer längeren Jod-Überdosierung kann auch eine zu niedrige Jodversorgung oder eine zu niedrige Jodversorgung mit anschließender ausreichender Jodversorgung zu einer Schilddrüsenunterfunktion führen.

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Jodaufnahme bei Schilddrüsenunterfunktion

In keinem Fachtext findet sich ein Hinweis darauf, dass bei einer Schilddrüsenunterfunktion die Jodzufuhr unterhalb des normalen Niveaus gesenkt werden sollte.
Allerdings wird (wie auch bei schilddrüsen-gesunden Hunden) vor der Aufnahme exzessiver Jodmengen gewarnt.

Jod und Antikörper

Nahezu alle Studien und Fachartikel, die sich mit den Themen Antikörper und Schilddrüse befassen, wurden bezogen auf den Humanbereich erstellt. Einige Studien wurden an genetisch veränderten Labortieren oder an Zellkulturen durchgeführt. Das Thema ist komplex und wird daher hier nur sehr vereinfacht dargestellt.
Eine Übertragung auf den Hund und eine entsprechende Beurteilung ist schwierig, da der Hund eine andere Jodstoffwechselaktivität als der Mensch besitzt.
In dem Text „Leider nach wie vor unklar: Warum hilft Selen bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse?“ ist zu lesen (Text ist bezogen auf den Humanbereich):

„Die Antigenität von Schilddrüsen-Autoantigenen (Thyreoglobulin und TPO) steigt nach einer Iod-Exposition an; Selen kann dem entgegenwirken.“

Quelle: „Friendly Fire: Die Evolutionsbiologie der Autoimmunkrankheiten: Leider nach wie vor unklar: Warum hilft Selen bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse?“

Solche und ähnliche Texte werden angeführt, um zu belegen, dass Jod bei einer Schilddrüsenunterfunktion die Antikörper-Bildung provoziert. Hinter dem zitierten lapidaren Satz stecken zahlreiche Studien und Fachartikel. Sieht man sich diese im Detail an, ergeben sich Randbedingungen, die bei der Interpretation dieser Aussage berücksichtigt werden müssen:

  • Die Studien beschäftigen sich vorwiegend mit der Entstehung einer jodinduzierten Schilddrüsenunterfunktion.
  • Es wird i.d.R. eine exzessive Jodzufuhr betrachtet.
  • Die Studien, die hinsichtlich normaler Jodzufuhr stattfanden, fanden entweder an genetisch veränderten Labortieren (Tiere mit genetischer Disposition für Schilddrüsenunterfunktion) statt oder als Langzeitstudien an (relativ kleinen) Kollektiven von Patienten mit Hinweisen auf Schilddrüsenunterfunktion, Vorliegen von Schilddrüsen-Antikörpern o.ä. im Vergleich zu unbelasteten Personen.

In der Summe scheint sich folgende (sehr stark vereinfacht dargestellte) Sichtweise bei Antikörperbildung aufgrund erhöhter Jodzufuhr durchzusetzen:
Der Jodbedarf ist individuell stark unterschiedlich und kann von den allgemeinen Empfehlungen stark abweichen.
Bei exzessiver Jodzufuhr (bezogen auf den individuellen Bedarf) wird Jod (nach Aufhebung des Wolff-Chaikoff-Effekts) in die Schilddrüse eingelagert. Dort verbindet sich das überschüssige Jod ebenfalls mit Thyreoglobulin (TG) und führt quasi zu einer Übersättigung von TG mit Jod. Hierdurch ändern sich Gewicht, Form und Stabilität des TG – also die chemischen Eigenschaften.
Bei nicht ausreichender Versorgung mit Antioxidationsmitteln (z. B. Selen) kann es zu Zellwandschädigungen kommen, die zur vermehrten Freisetzung von Thyreoglobulin in die Blutbahn führen.
Das freigesetzte TG kann zur Bildung von Antikörpern führen.
Vermutlich richten sich TAK (Thyreoglobulin-Antikörper) vorwiegend gegen die Molekülbestandteile (Zonen, siehe „Autoantikörper bei Hunden mit Schilddrüsenunterfunktion“), die bei normaler Jodversorgung nicht jodiert sind. Da Antikörper sehr spezifisch reagieren (das Antigen, welches gebunden wird, muss genau in die Bindungsstelle passen – Schloss-Schlüssel-Prinzip), ist davon auszugehen, dass auf normal jodiertes Thyreoglobulin (welches sich immer in geringen Mengen im Blut befindet), keine Antikörper-Reaktion in Folge Überjodierung erfolgt.
Zu berücksichtigen ist auch, dass die Antikörper je nach Milieu der Umgebung entweder als maskierte (inaktive) Antikörper oder als unmaskierte (aktive) Antikörper vorliegen können (siehe auch „Autoantikörper bei Hunden mit Schilddrüsenunterfunktion“).

Fazit

Antikörper können bei (schilddrüsen-gesunden) Hunden durch exzessive Jodzufuhr (oder durch starke Jodschwankungen) „getriggert“ werden.
Vermutlich richten sich Thyreoglobulin-Antikörper (TAK) vorwiegend gegen die Molekülbestandteile (Zonen), die bei normaler Jodversorgung nicht jodiert sind. Eine nachfolgende Antikörper-Reaktion auf normal jodiertes Thyreoglobulin bei normaler Jodzufuhr ist aufgrund der anderen Struktur der TG-Zonen unwahrscheinlich (Antigen und Antikörper passen nicht aufeinander).
In wissenschaftlichen Artikeln wird daher die Reduzierung der Jodzufuhr unterhalb des Normbereiches bei einer normalen autoimmunen Schilddrüsenunterfunktion nicht empfohlen. Ausnahmen können für eine gewisse Zeit nach einer exzessiven Jodzufuhr bestehen. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Jodstoffwechsel beim Hund aktiver ist. Beim Hund ist die Speicherzeit von Jod deutlich kürzer als beim Menschen.
Reagiert ein Hund „auf Jod“, sollte überprüft werden, ob

  • er auf die Jodquelle an sich reagiert (also das entsprechende Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel) und/oder
  • er auf bestimmte Proteinbindungen, in denen Jod auftreten kann, reagiert und/oder
  • insgesamt ein Jodüberschuss existiert.

Überlegungen zu Fallberichten

Fallberichten zu Folge können Jodschwankungen bei Hunden mit Schilddrüsenunterfunktion zu Verhaltensänderungen führen.

Die Jodregulation ist (wie alle Stoffwechselregulationen) ein sehr komplexes System, in welches auch die externe Hormonzufuhr mit ihren Abbauprodukten einbezogen wird.

Jodschwankungen könnten zu Rückkopplungen führen, die die Schilddrüsen-Aktivität und Entzündungsreaktionen beeinflussen.

Wird unter Substitution von einer niedrigen auf eine normale Jodzufuhr umgestellt (und der Hund reagiert mit Verhaltensauffälligkeiten), sollte die Notwendigkeit der Substitution überprüft werden.


Weitere Details

B. Zimmermann: Dr. Jekyll & Mr. Hund. Ausgeglichene Schilddrüse – ausgeglichener Hund, 1. Auflage. Thieme Verlag: Stuttgart – New York; 2018

Literatur [Auszug]
1.    Böhm I. et al. Jodallergie Die endlose Geschichte. Fortschr Röntgenstr 2016; 188: 733–734
2.    Böhm I. et al. Iodinated Contrast Media and the Alleged “Iodine Allergy”: An Inexact Diagnosis Leading to Inferior Radiologic Management and Adverse Drug Reactions. Fortschr Röntgenstr 2017; 189: 326–332
3.    Burek CL. Rose NR. Autoimmune thyroiditis and ROS. Autoimmunity Reviews 7 (2008) 530–537
4.    Davies AJS. Immunological tolerance and the autoimmune response. Autoimmunity Reviews 7 (2008) 538–543
5.    Dewachter P., Mouton-Faivre C. Allergie aux médicaments et aliments iodés: la séquence allergénique n’est pas l’iode. Presse Med., 2015
6.    Faulk WP. McIntyre JA. Prologue to autoimmunity forum: Autoimmunity reviews on redox signaling. Autoimmunity Reviews 7 (2008) 515–517

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