Meinungsmache Teil 2: Im Internet verbreiten Algorithmen bei Suchmaschinen und in Sozialen Medien zusammen mit dem User-Verhalten Informationen schnell und effizient. So sind Manipulationen im Wahlkampf, Hetze bis hin zur Militarisierung durch das Internet alltäglich geworden.
Zum besseren Verständnis teilweise vereinfacht
Teil 1: Meinungsmache: Staatsfernsehen und Lügenpresse
Demokratie, Medien und Vertrauensabbau
Demokratie setzt freie Wahlen sowie gut und breit informierte Bürger voraus. Ausreichende und richtige Informationen sind für die politische Meinungsbildung wichtig.
Für die Sicherung der freien Wahlen ist „der Staat“ im Rahmen der Verfassung verantwortlich.
Für die Informationsbeschaffung ist letztendlich jeder Bürger selbst zuständig. Der Staat sichert zwar den gesetzlichen Rahmen, z. B. mit dem Schutz von Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit. Ob und wie sich der einzelne Bürger informiert, kann und darf der Staat jedoch nicht beeinflussen.
Grundsätzlich stehen verschiedene Wege zur Informationsbeschaffung zur Verfügung. Neben den klassischen Medien (vorwiegend Rundfunk und Presse) können Informationen z. B. auch über das Internet bezogen werden. Im Internet sind neben den klassischen Medien zahlreiche andere Medienschaffende vertreten.
Als Medien werden Kommunikationsmittel verstanden. Ihr Zweck ist die Vermittlung von Inhalten und Informationen. Das Internet ist ein Medium mit vielen Unterkategorien (z. B. Online-Versionen der klassischen Medien, Soziale Medien, Foren und Webseiten).
Der Begriff Information ist inhaltsneutral, gibt also keine Auskunft über den Wahrheitsgehalt, gesetzliche Zulässigkeit, moralische Einordnung etc. Unter Information fallen z. B. Fakten und Fake News, aber auch Meinungen.
In den klassischen Medien war eine aktive Beteiligung der Bürger an der Mediengestaltung nur sehr eingeschränkt möglich. Dagegen ist im Internet jeder User, der sich aktiv beteiligt, ein Medienschaffender: Jeder aktive User, der im Internet Meldungen teilt, liked und kommentiert oder selbst Texte verfasst, stellt Informationen zur Verfügung. Eine Qualitätskontrolle findet im Wesentlichen nicht statt. Im Gegensatz zu den klassischen Medien unterliegen aktive User nahezu keiner Regulierung oder Selbstverpflichtung. Letztendlich kann jeder nahezu alles im Internet veröffentlichen. Mit Aufkündigung der Faktenchecks von Anbietern sozialer Medien, wie X und Facebook, sinkt die Informationsqualität im Internet. Die unkontrollierte und unkommentierte Anhäufung von Informationen im Internet bietet daher nicht nur Chancen, sondern auch Risiken – nicht zuletzt für die Demokratie (siehe Die Risiken der Informationsgesellschaft).
Das Vertrauen in Populisten und in deren manipulative Texte und Fake News steigt – zu Lasten der Demokratie. Das haben nicht zuletzt die Wahlen in Amerika gezeigt. Wer heutzutage (politisch) mitwirken will, muss im Internet aktiv sein und dort auffallen. Das haben sowohl Trump als auch die AfD sehr gut verstanden und umgesetzt.
Seitens bestimmter Gruppierungen und Parteien wird den klassischen Medien das Vertrauen entzogen. Die Lücke wird durch die Kritiker mit ihren eigenen Informationen gefüllt, die zum Teil aus falschen Angaben, verdrehten Fakten, manipulativen Aussagen etc. bestehen. So können Themen zum Erreichen der eigenen Ziele platziert und aufgeblasen werden.
Aktive User Hand in Hand mit Populisten
Das Internet unterstützt die Open-Source-Ermittlungen und dient somit der Demokratisierung von Wissen. Neben diesem positiven und wünschenswerten Effekt, gibt es auch weniger wünschenswerte.
Informationen von aktive Usern (auf Webseiten, in Sozialen Medien etc.) unterliegen z. B.
- keinem Pressekodex als Selbstverpflichtung der aktiven User,
- kaum gesetzlichen Anforderungen, solange sie die Grenzen der Meinungsfreiheit beachten,
- selten einem Faktencheck.
Die aktiven User sind sehr verschieden und verfolgen unterschiedlichste Interessen. Einige User pflegen einen verantwortungsvollen Umgang mit Informationen. Andere User gehören zu einem eher „kritiklosen“ Typus, der nahezu alles glaubt, postet, teilt und liked, was im Internet zu finden ist. Recherchen oder Sachkenntnis zum Thema sind lückenhaft oder gar nicht vorhanden. Julia Ebner schreibt in „Radikalisierungsmaschinen“ zum Thema Fachkompetenz:
„Leute mit geringerer Schulbildung glauben tendenziell eher an Verschwörungstheorien. Wer sehr wenig über eine Sache weiß, hat mit höherer Wahrscheinlichkeit großes Vertrauen in sein eigenes Wissen und Urteil. Dieser Effekt wird auch als Dunning-Kruger-Effekt oder „Mount Stupid“ bezeichnet.“
Manche aktiven User fühlen sich an keinerlei Regeln gebunden. Dies zeigt sich z. B. an etlichen Fällen, bei denen Rettungskräfte durch Gaffer und aktive User behindert wurden.
| Aktiver, unkritischer Internet-User | Journalist (Qualitätsmedien) |
|---|---|
| Nicht an Pressekodex oder Leitlinien gebunden | An Pressekodex gebunden und damit an gewisse Standards. An Redaktionsleitlinie gebunden. |
| Ignorieren z. T. Persönlichkeitsrechte, etwa bei Veröffentlichung von Bildern, Nennung von Namen, Vorverurteilungen etc. Klagen eher selten (Anonymität im Internet). | Müssen sich an Persönlichkeitsrechte halten, Klagen häufig, da Journalist namentlich bekannt. |
| Ethische und moralische Grenzen werden z. T. überschritten. | Durch Pressekodex und Redaktionsleitlinien eingeschränkt. |
| Live, schnell, unmittelbar vor Ort. | Unmittelbare Live-Berichterstattung bei spontanen Ereignissen in der Regel nicht möglich. Hoher Druck, schnell zu reagieren. |
| Meist keine Recherche | Je nach Redaktionsleitlinien: Intensive und zeitintensive Recherchen erforderlich, dadurch Verzögerung von Veröffentlichungen bei seriöser Berichterstattung. |
| Keine Wahrheitsprüfung, etwa beim Teilen von Meldungen. | Durch Pressekodex und Redaktionsleitlinien eingeschränkt, Pflicht zur sorgfältigen Prüfung der Informationen, seriöse Berichterstattung. |
| Keine Einordnung des Geschehens. | Sollten Ereignisse einordnen: Hintergrundinformationen, Zusammenhänge, Statistiken, Historie, vermutliche weitere Entwicklung etc. |
| Spekulationen | Müssen sich auf Tatsachen beziehen und Spekulationen als solche kennzeichnen. |
| Hoher Human-Touch-Faktor | Je nach Sparte mehr oder weniger ausgeprägt. |
Home // Seitenanfang // Alle Beiträge Naturwissenschaft
Aufgrund mangelnder Medienkompetenz wird seitens der (aktiven und passiven) User auch unseriösen Informationen Glauben geschenkt. Um die Glaubwürdigkeit einer Information zu checken findet zum Beispiel oft keine Quellenprüfung statt. Unseriöse Informationen fallen häufig dadurch auf, dass keine Quellen genannt werden oder genannte Quellen die angegebenen Informationen nicht enthalten (u. a.). Selbst eine Plausibilitätsprüfung wird häufig nicht durchgeführt.
Informationen zur Medienkompetenz finden sich z. B. bei Mimikarma oder bei Correctiv: Flyer Fake oder Fakt?
So sind im Internet neben Fakten auch zahlreiche Fake News, ungenaue Informationen, aus dem Zusammenhang gerissene Informationen, überbewertete Informationen etc. zu finden. Typische menschliche Wahrnehmungsfehler werden durch die Informationsfülle gefördert (siehe Duo infernale: Bias und Populisten). Beispielsweise werden Muster und Zusammenhänge erkannt, wo keine sein. Oder es wird etwas als „wahr und richtig“ angenommen, nur weil es häufig im Internet zu finden ist. Y. Hofstetter schreibt daher in „Der unsichtbare Krieg“:
„Meinung und Vernunft sind zwei verschiedene Angelegenheiten. Wo die Vernunft wirkt, gewinnt der Mensch Einsicht, erkennt die (Vernunft-)Wahrheit und handelt danach; demgegenüber bildet er sich eine Meinung nach Überredung.“
Diese Wahrnehmungsfehlern werden durch Populisten gezielt gefördert und ausgenutzt. Das Internet beschleunigt so die Verbreitung von Mythen, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien.
Die Währung im Internet ist „Aufmerksamkeit“. Relevant ist, wie oft ein Beitrag (eine Internetseite) aufgesucht, geteilt, gelikt wurde und wie lange der Aufenthalt auf einer Internetseite (z. B. in einem Sozialen Medium) ist. Durch viel Aufmerksamkeit gelangt der Beitrag bei der-Suche (durch Suchmaschinen oder innerhalb Sozialer Medien) nach vorne und erhält noch mehr Aufmerksamkeit. Der Inhalt und die Aussage der Information verbreitet sich immer weiter. Ob die Information wahr ist, spielt keine Rolle. Um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, sind viele dieser Information zu Lasten der Wahrheit auf die Erwartungen der User zugeschnitten.
Zusätzlich generieren die Algorithmen von Suchmaschinen und innerhalb der Sozialen Medien Filterblasen. In Filterblasen werden die eigenen Meinungen bestätigt und bestärkt. Basierend auf dem vorhergehenden Nutzungsverhalten werden dem User bevorzugt solche Inhalte präsentiert, die ihn vermutlich interessieren. Der User erhält somit immer wieder Informationen mit tendenziell gleichem Inhalt angezeigt, nicht selten mit zunehmend extremerem Inhalt. So wurden während Corona bei der Suche mit dem Stichwort „Impfrisiko“ sehr schnell fast nur noch Seiten von radikalen Impfgegnern angezeigt. Ausgehend von YouTube-Videos mit rechts gerichtetem Inhalt gelangt man nach wenigen Klicks zu Inhalten mit rechtsextrem Inhalt.
Dagegen werden dem User eine ganze Reihe von Informationen, die nicht „zum User passen“, erst gar nicht angezeigt. Selbst wenn der User sich also möglichst umfassend informieren möchte, ist dies aufgrund der Algorithmen der Suchmaschinen und in den Sozialen Medien nicht ohne weiteres möglich.

Y. Hofstetter warnt daher in „Der unsichtbare Krieg“:
„Der Mechanismus, auf das Interesse der Nutzer zu fokussieren, lässt nicht zu, dass Online-Plattformen [..] versuchshalber etwas anderes anbieten als das, was dem Interesse des Nutzers entgegen kommt. […] Information, die völlig außerhalb seines Interesses liegt, wird ihm erst gar nicht zugespielt. Diese Selbstreferenzierung und Selbstverstärkung der eigenen Wahrnehmung des Nutzers ist systemisch und Kernbestandteil des Geschäftsmodells digitaler Plattformen […]“
Dies bestätigt M. Karmasin in einem Interview mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW):
„Ja, Social Media fördern Verschwörungsdenken und haben eine hohe Manipulationsanfälligkeit. Das liegt aber weniger an den moralischen Überzeugungen der Betreiber, sondern an den Geschäftsmodellen dieser Plattformen. Diese zielen darauf ab, die Verweildauer der Nutzer:innen zu maximieren, was am besten durch Emotionalisierung und Polarisierung gelingt. Es geht also darum, dass die Algorithmen darauf programmiert sind, Nutzer:innen möglichst lange zu binden – unabhängig von der Faktentreue – was wiederum die Verbreitung von Falschinformationen und Verschwörungsmythen begünstigt. Die einfache – und in Wirklichkeit komplizierte – Antwort lautet also: Dann müssen diese Geschäftsmodelle geändert werden.“
Die Fragen drängen sich daher auf, wieso unbelegten Informationen aus dem Internet per se mehr Glauben geschenkt werden sollte, als Informationen aus klassischen Medien, die als Lügenpresse und Staatsfunk diffamiert werden? Wieso sollten ausgerechnet quellenlose Informationen aus dem Internet geeignet sein, gut recherchierte Informationen aus anderen Quellen, etwa den klassischen Medien oder wissenschaftlichen Studien, zu diskreditieren?
Fazit
Im Internet kursierende (freizugängige) Informationen sind häufiger als bei klassischen Medien ohne fachliche Basis, einseitig recherchiert, unausgewogen, unwahr und stark manipulativ.
Internetmeldungen, auch Falschmeldungen, haben eine sehr hohe Reichweite, aufgrund des Verhaltens von aktiven Usern (teilen, liken) und den zugrundeliegenden Algorithmen. Mit zunehmendem Einfluss von KI steigt das Risiko der massenweisen Verbreitung von Falschinformationen weiter.
Home // Seitenanfang // Alle Beiträge Naturwissenschaft
Baukasten: Tricks der Manipulation
Informationen können u. a. Tatsachen, Meinungen oder Lügen sein. Sie können neutral oder manipulativ sein. Je nachdem, wie Informationen dargeboten werden, werden sie unterschiedlich aufgenommen und bewertet.
Durch die Manipulation von Informationen lassen sich Meinungen formen und so Ziele erreichen. Analog der Kritiker an Meinungs- und Pressefreiheit (s. Teil 1) sind häufig jene, die seriöse Informationen als manipulativ hinstellen, die größten Manipulatoren.
Grundregeln der Manipulation
Um die größtmögliche manipulative Wirkung zu erzielen, müssen Informationen …
- massenhaft und über möglichst viele Kanäle verbreitet werden,
- kurz und knackig,
- einprägsam,
- erfahrbar,
- pauschalisiert,
- aber nur vordergründig logisch und richtig sein.
Die Verbreitung erfolgt über zahlreiche Soziale Medien und deren User sowie über Webseiten, die nur scheinbar unabhängig voneinander sind. Teilweise werden Informationen automatisch mittels Bots mit verschiedenen Usernamen massenhaft eingespielt. Insgesamt entsteht so der Eindruck, dass die Information seriös ist, da sie auf vielen vermeintlich unabhängigen Webseiten zu finden ist und vermeintlich viele User diese posten oder teilen. Insbesondere bei Wahlkämpfen werden Bots zur Manipulation gezielt eingesetzt (USA, AfD Brandenburg, AfD Bundestagswahlen 2025, Russland Bundestagswahlkampf 2025).
Beliebt sind Meme: Quasi hochkomprimierte Informationsschnipsel (einprägsam, kurz und knackig), die schnell wahrgenommen und geteilt werden können. Häufig sind (emotionale) Bilder mit einem kurzen Satz, der eine Meinung oder einen scheinbaren Fakt widergibt. Bekannte Beispiele sind „Atomkraft – Nein Danke!“ oder „Atomkraft – Ja Bitte!“. Besonders beliebt sind lustige, gereimte, bildliche oder emotionale Aussagen. Komplexe Zusammenhänge werden auf – nicht selten irrelevante – Einzelaspekte reduziert. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema findet oft nicht statt.

Erfahrbar sind Aussagen, die in der persönlichen Umgebung feststellbar sind. Eng mit dem Begriff „erfahrbar“ ist „Betroffenheit“ verknüpft (s u.). Die Aussage „Öffentliche Verkehrsmittel sind unzureichend“ ist in ländlichen Regionen erfahrbar, in Städten eher nicht. Da viele Deutsche in oder im Umkreis von Städten wohnen, ist die Aussage für diese nicht erfahrbar und nicht relevant. Erfahrbar werden diese Aussagen jedoch durch Human-Touch-Storys, etwa „Lise M. (87 Jahre)…“ oder „Tim K. (12 Jahre)….“ – jeweils als anschauliche pauschalisierenden Beispiele in einem emotionalen Bericht über unzulängliche öffentliche Verkehrsmittel (ÖVM).
Werden Einzelschicksale pauschalisiert, gelingt es, diesen Ereignissen eine überproportionale Bedeutung zuzuweisen. Wird etwa über unzureichende ÖVM immer wieder anhand von Einzelschicksalen berichtet und positive Beispiele systematisch unterschlagen, kann das Thema eine hohe Bedeutung erhalten. Auf Basis eines wahren Kerns (z. T. schlechte Ausgestaltung ÖVM in ländlichen Regionen) kann so eine grundsätzlich negative Aussage zu ÖVM in die Welt gesetzt werden.
Mit der Erfahrbarkeit geht auch eine scheinbare unmittelbare Logik einher. So wurde z. B. die Wirksamkeit der Corona-Impfungen in Frage gestellt, da auf den Intensivstationen Fälle mit geimpften Corona-Patienten zunahmen. Vordergründig widerspricht dies der Wirksamkeit der Corona-Impfungen. Um die Wirksamkeit zu beurteilen, müssen jedoch die jeweiligen Anteile der jeweiligen Gruppen verglichen werden: [Anzahl Geimpfter auf Stadion / Anzahl Geimpfter in der Bevölkerung] im Vergleich mit [Anzahl Ungeimpfter auf Stadion / Anzahl Ungeimpfter in der Bevölkerung]. Mit zunehmender Durchimpfung der Bevölkerung nahm die Anzahl der geimpften Corona-Erkrankten zwar zu, der Anteil jedoch ab. Umgekehrt verhielt es sich bei den Ungeimpften.
Werden Informationen nach diesem Schema aufbereitet, kann nahezu jedes Thema ins Gespräch gebracht und somit eine Relevanz zugewiesen werden, unabhängig von der faktischen Richtigkeit dieser Auslegung oder Bedeutung dieses Themas. Analog zur Themenaufwertung kann so auch ein Thema niedergeredet werden (s. u.: Beispiel Klimawandel).
Home // Seitenanfang // Alle Beiträge Naturwissenschaft
Interesse wecken
Informationen sollen für den Leser interessant sein. Interessant sind Informationen, wenn sie möglichst viele der nachfolgenden Kriterien bestmöglich erfüllen:
- Aktualität
- Emotion, emotionale Berichterstattung
- Exklusivität, etwa durch unausgewogene Hervorhebung von Außenseitermeinungen
- Störung des Alltäglichen, Provokation
- persönliche Betroffenheit, Bezug zu Leser herstellen (etwa durch unzulässige Pauschalisierung und Verallgemeinerung)
- Superlative
- Nutzwert
- geografische Nähe
- Menschen, Sex, Klatsch, Schadenfreude, Affirmation (Human Touch)
- Unterhaltung
Sind viele dieser Kriterien in einem Text enthalten, ist das vorrangige Ziel des Textes meist weniger die Informationsvermittlung, sondern im günstigsten Fall die Auflagenzahl und Aufmerksamkeit zu steigern. Im ungünstigen Fall ist politische Manipulation das Ziel. Populistische Texte arbeiten häufig mit diesen Mitteln.
Beispiel: Ein Auto fährt in eine Menschenmenge, 5 Personen werden getötet, der Fahrer wird noch an Ort und Stelle festgenommen,. Weitere Informationen liegen noch nicht vor, die Hintergründe der Tat sind unbekannt.
| Sachlich neutrale Darstellung | Emotionale, reißerische Darstellung |
|---|---|
| Auto fuhr in Menschenmenge Am 29.02.2025 fuhr ein Auto in Kleinkleckersdorf in eine Menschenmenge. Dabei wurden 5 Personen getötet. Der Fahrer wurde in Untersuchungshaft genommen. Noch ist unklar, ob ein Terroranschlag oder ein Unfall vorliegt. | Terroranschlag in Kleinkleckersdorf Auto rast in Menschenmenge Erneut raste ein extremistischer afghanischer Asylsuchender mit dem Auto in eine Menschenmenge. Bei seiner Höllenfahrt ermordete er 5 Menschen. Menschen wie du und ich – Hausfrauen, Rentner, Geschäftsmänner. Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten. Zeugen der brutalen Tat sind geschockt. Viele fragen sich: „Kann man sich überhaupt noch in die Einkaufszone wagen? Der Täter konnte noch am Ort des Massakers gestellt werden und wurde sofort inhaftiert. |
| Bilder: Stadtplan mit Ort des Unfalls, Foto: Unfallort von weitem | Bilder: abgedeckte Leichen, weinende Menschen |
Fakten und „Fakten“ schaffen
Ein weiteres Kennzeichen populistischer Texte ist der geringe Bezug zu Fakten. Der Begriff „alternative Fakten“ suggeriert, dass es je nach Blickwinkel unterschiedliche Wahrheiten gibt. Das ist falsch.
Es ist zwischen Fakten und Meinungen zu unterscheiden.
- Fakten sind beweisbare Wahrheiten, zu denen es naturgemäß keine Alternativen gibt. Je nach Blickwinkel gibt es weitere Ansichten, die eine ergänzende Aussage zur Wahrheit darstellen. Die Wahrheit ändert sich dadurch nicht, sondern wird vielschichtiger.
- Meinungen können verschieden sein.
Beispiel: Fakt ist, dass die Erde rund ist. Es ist eine Meinung, dass die Entfernung zwischen Berlin und New York groß ist.
Von manchen wird die Meinung, dass die Erde eine Scheibe ist, als alternativer Fakt hingestellt. Es ist jedoch lediglich eine alternative Meinung, die durch Fakten nicht zu belegen ist.
Zwischen beweisbarem Fakt und nicht beweisbarer Meinung zu unterscheiden, ist nicht immer einfach.

Populistischer Texte zeichnen sich häufig durch folgende Punkte aus
- fehlende oder falsche Quellenangaben,
- Quellen, in denen die Behauptungen nicht aufgeführt sind oder sogar das genaue Gegenteil berichtet wird,
- falsch wiedergegebene, aus dem Kontext gerissene Aussagen,
- falsche Darstellung eines Sachverhaltens durch unvollständige Aussagen, Ausblendung wesentlicher Details der Aussage,
- verdrehen von Fakten,
- Fälschungen von Webseiten-Texten, Nachahmen von seriösen Webseiten,
- ein wahrer Kern, eingebettet in falsche Angaben („40/60-Regel“),
- Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen,
- fachliche Inkompetenz,
- Pseudowissenschaftlichkeit, die suggerieren soll, dass die Aussagen wissenschaftlich abgesichert sind,
- Wissenschaftler aus Teilgebieten, die bestenfalls am Rande mit dem Thema zu tun haben, aus anderen Fachbereichen stammen, seit geraumer seit nicht mehr am wissenschaftlichen Leben teilnehmen oder deren Fachbezug de facto nicht existiert (falsche Zertifikate)
Gegenüber Andersdenkenden werden Hass, verbale Angriffe und Diffamierungen verbreitet. Ziel ist es, Gegenrede im Keim zu ersticken und Aussagen ohne Gegenrede zu verbreiten. Diese Hetze setzt sich nicht selten auch im realen Leben durch tätliche Angriffe fort.
Im sogenannten Pizzagate wurden 2016 vor dem US-amerikanischen Wahlkampf durch Verschwörungsideologen im Internet nicht nur Lügen über einen angeblichen Kinderpornoring in einer Pizzeria verbreitet, sondern auch ein Mensch zu Taten aufgehetzt. Ein Mann erstürmte mit einem Gewehr die besagte Pizzeria, um die vermeintlich dort befindlichen Kinder zu befreien. Obwohl die Lüge über den Kinderpornoring aufgedeckt wurde, wird diese Verschwörungsideologie immer wieder aufleben lassen, etwa auf X, u. a. von Musk im Nov. 2023.
Im Mythos um die gestohlenen Wahlen hetzte Trump 2020 eine Menschenmenge zum Sturm auf das Capitol (s. Wikipedia). Die Folge waren 5 Tote und mehr als 140 Verletzte. Mehr als 645 Täter wurden zu Haftstrafen verurteilt. Nach seinem zweiten Amtsantritt begnadigte Trump mehr als 1.500 Personen, darunter auch ultrarechte Rädelsführer und Gewalttäter aus dem Sturm aufs Capitol.
Auch bei anderen Gewaltdaten rechter und islamistischer Täter wurde eine Aufhetzung durch Gruppen im Internet belegt.
In der Glosse Corona-Impfungen: Langzeitnebenwirkungen aufgedeckt sind einige typische Manipulationselemente enthalten, wie sie auch in einem ernst gemeinten Text zu finden wären:
- Betroffenheit zahlreicher Bürger,
- Aktualität (zum damaligen Zeitpunkt),
- Exklusivität (widerspricht den gängigen Aussagen zur Impfung),
- Pseudowissenschaftlichkeit, Verweis auf Wissenschaftler, Verwendung von Fachbegriffen,
- Zusammenhänge generieren, wo keine sind, konstruierte Zusammenhänge und Wirkweisen,
- verdrehen von Fakten, fachliche Inkompetenz,
- Pauschalisierungen,
- fehlende Quellen.
Home // Seitenanfang // Alle Beiträge Naturwissenschaft
Beispiel: Abschied vom Klimaschutz

In einer Verleumdungskampagne gegen Klimawissenschaftler wurde diesen 2009 unterstellt, wichtige Daten manipuliert zu haben. Veröffentlicht wurden diese Anschuldigungen kurz vor einer Klimakonferenz in Kopenhagen. Die Kampagne ist als Climategate bekannt (Details siehe z. B. Zeit Online: „Climategate, die Hockeyschläger-Kurve und der Kampf gegen die Leugner“, 14.02.2025). Die Vorwürfe konnten zwar vollständig als haltlos bewiesen werden, das Misstrauen gegen die Klimaforschung war damit jedoch gesät.
Bedingt durch Climategate und die damit verbundenen Angriffe, formulieren Klimawissenschaftler ihre Aussagen extrem vorsichtig. Diese sind oft mathematisch verklausuliert und wenig plastisch. Der Klimawandel ist für viele Menschen in Deutschland daher nicht erfahrbar. Extremwetter kann durch Attributionsstudien von Klimaforschern nur zu einem gewissen Prozentsatz eindeutig dem Klimawandel zugeschrieben werden. Der Klimawandel erfordert zum Teil unliebsame volkswirtschaftliche Konsequenzen, die jeden Bürger betreffen. Argumente gegen die Klimawandel sind daher willkommen.
Das macht sich die AfD zu Nutze, die den Klimawandel leugnet oder herab spielt. Ebenso wie Trump, der ein konsequenter Befürworter fossiler Brennstoffe ist. In Deutschland ist das EIKE-Institut führend in der Verbreitung unwahrer Behauptungen zum Klimawandel und wird häufig von der AfD in diesem Zusammenhang zitiert. Das EIKE-Institut ist weder eine Forschungseinrichtung, noch ein Institut, welches Forschungen auswertet und fachlich korrekt zusammenfasst, sondern eine PR-Agentur.
Im Internet werden massenhaft Texte, Memes und andere Informationen platziert und durch aktive User verbreitet, die den menschengemachten Klimawandel anzweifeln und Klimaschutz-Maßnahmen als „links-grüne“, realitätsferne Politik hinstellen. Die Aussagen bedienen sich in der Regel aus dem o. g. Baukasten: Aufmerksamkeit erzeugen mit den Grundregeln der Manipulation, Interesse wecken und Schaffen von „Fakten“.
Die massive Verbreitung von Falschmeldungen über das Internet zeigt Wirkung: 2023 sank das Vertrauen in die Informationen von Klimawissenschaftlern um 7 Prozent, damit wurden auch zunehmend Informationen der Medien und Politiker angezweifelt. Eine steigende Anzahl von Personen (knapp ein Viertel) zweifelt in der Untersuchung an der globalen Erwärmung und geht davon aus, dass Wissenschaftler übertreiben. Die Anzahl der Menschen, die zustimmen, dass der Klimawandel gravierende Folgen hat und der Klimawandel menschengemacht ist, sinkt. Damit sinkt auch die Bereitschaft, Klimaschutzthemen zu unterstützen um 10 %-Punkte.
Eine leicht signifikante Korrelation zwischen Zweifler des Klimawandels und Nutzungsverhalten hinsichtlich Medien zeigt sich bei Bild (Print und Online), Sozialer Medien, Videoplattformen und Blogs. Die Autoren der o.g. Studie aus 2023 schreiben:
„Aussagekräftiger ist da der Trend hin zu einem leicht negativen Zusammenhang zwischen der Nutzung Sozialer Medien und Zweifeln an Existenz und Problematik des Klimawandels, allen voran bei der Nutzung von Messengerdiensten wie WhatsApp und Telegram, aber auch für Twitter/X und Videoplattformen wie YouTube. Offenbar haben sich diese Plattformen zu Orten entwickelt, wo sich verstärkt über Klimaleugnung ausgetauscht wird. Hier braucht es inhaltsanalytische Forschung. Wir sehen nur, dass Menschen, die 2023 intensiv diese Medien genutzt haben, auch eher dazu tendierten, den Klimawandel zu leugnen.“
Eine weitere Studie bestätigt die abnehmende Akzeptanz des Klimawandels: 2023 vertrauten lediglich 40 % der Befragten den etablierten Medien zu deren diesbezüglicher Berichterstattung. 2019 betrug der Anteil noch 48 % und 2020 sogar 58 %. 25 % (also ein Viertel) vertraut den etablierten Medien zu diesem Thema gar nicht, 35 % vertrauen nur teils / teils.
Auszug verwendeter und weiterführender Literatur
Rückschlag für den Klimaschutz
Bundesamt für politische Bildung, Beispiele:
- Hintergrund: Wie wirkt sich die Nutzung digitaler Plattformen auf Meinungsbildungsprozesse aus?
- Filterblasen
- Themenseite Desinformation
- Fake News, Misinformation, Desinformation
Berliner LZ für polit. Bildung: Wie beeinflussen mich die Social Media? Echokammern, Filterblasen und Algorithmen
Mimikarma: Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch
Ebner, J: Radikalisierungsmaschinen. Suhrkamp Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (9. September 2019), ISBN-13: 978-3518470077
Hofstetter, Y: Der unsichtbare Krieg. Droemer HC; 2. Edition (1. Oktober 2019), ISBN-13: 978-3426277867
Jackob N et al: Medienvertrauen in Deutschland. Bpb Schriftenreihe Band 10951
Home // Seitenanfang // Alle Beiträge Naturwissenschaft
naseweisbz.net